Archive for the ‘Geschichten und Sagen’ Category

Einsam am Heiligen Abend

Donnerstag, Dezember 24th, 2020

Zum 24. Kalendertürchen

Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.

Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut. Im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.

Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. “Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?” fragte ich einmal meine Mutter. “Ja, man sagt’s.” – “Ja … ich hab’ ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte …”

“Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist”, sagte meine Mutter. “Hat er denn keine Geschwister?” fragte ich. “Nein – er ist ganz allein auf der Welt…”

Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.

Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.

Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. “Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?” – “Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause.”

Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem “Zuhause”. – In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß – ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.

Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: “Du bist ein guter, kleiner Bub.” Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.

Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte gebrüllt.

Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: “Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend…”

Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.

Hermann Bang (1857-1912)

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Die Geschichte der Marzipankartoffeln

Mittwoch, Dezember 23rd, 2020

Zum 23. Kalendertürchen

Im Folgenden findet ihr Angaben darüber, wer die Marzipankartofffeln verbrochen hat. Und wie das so ist mit Netzfundstücken – ich kann nicht sagen, ob die Geschichte so richtig ist oder obs eben nur eine Geschichte ist. Trotzdem will ich sie Euch hier nicht vorenthalten 😉

In der Vorweihnachtszeit des Kriegsjahres 1917 arbeitete der Düsseldorfer Konditor K.N. Üselig an der Lösung eines Problems: Beim Ausstechen von Marzipanfiguren bleib immer ein Rest übrig, er konnte noch so oft den übrig gebliebenen Teig neu ausrollen. Es half alles nichts. Es blieb immer ein Rest.
Doch er hatte alsbald die Lösung gefunden. Er rollte die beim Ausstechen verbleibenden Ränder zu amorphen Brocken zusammen und wollte Sie zu den deutschen Soldaten an die Front schicken. Doch beim Rollen verfärbten sich diese Brocken unschön, denn Herr Üselig, oder „KnÜsel“ wie ihn seine Freunde nannten, hatte es nicht so mit der Sauberkeit und vergaß des öfteren das Hände waschen nach dem Klo. Das sah man den Brocken jetzt an, die sich unschön dunkel verfärbt hatten. Immerhin: die Hände waren jetzt sauber.

Marzipankartoffeln sind lecker ;)

Marzipankartoffeln sind lecker 😉

Aber auch hierfür hatte der Konditor bald eine Lösung parat: Im Keller stand noch ein Sack Zimt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum seit ein paar Jährchen abgelaufen war. Mit den Worten „Die Soldaten wird’s freuen“ mehlte er die Brocken mit dem Zimt ein und machte so den Dreck seiner Pfoten unsichtbar.

Der Name für diese „Spezialität“ war auch rasch gefunden. Da die Äcker rund um Düsseldorf eine rot-braune Erde haben, nannte er seine Kreation „Matzipaan-Kartöffelkes“, beziehungsweise hochdeutsch eben Marzipan-Kartoffeln.

Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt: Jene deutschen Batallione, die Üseligs „Kartöffelkes“ an die Front geschickt bekamen, entwickelten einen ungeahnten Kampfgeist, und wären mehr Konditoren auf diese geniale Idee gekommen, hätten wir den ersten Weltkrieg sicherlich nicht verloren, Deutschland wäre noch eine Monarchie, dieser neurotische Österreicher wäre uns erspart geblieben und „Knüsel“ hätte den Orden vom Kaiser bekommen, den dieser bereits befohlen hatte, aber nicht mehr verleihen konnte, weil er ja dringend abdanken musste.

Ja, so war das damals…

Der Weihnachtsteller

Mittwoch, Dezember 23rd, 2020

Zum 23. Kalendertürchen

Der Weihnachtsteller
mit freundlicher Genehmigung © Barbara Pronnet

Als ich zusammen mit meinen gleichaussehenden Kollegen in den bunten Weihnachtsteller gelegt wurde, war mir schnell klar, jetzt heißt es warten und reifen bis zum Fest. Ich roch herrlich nach Butter und Rum und meine Zuckerglasur stand mir besonders gut.
„He“, rief eine dicke Marzipankartoffel neben mir, „mach dich nicht so breit.“ „Du musst reden,“ beschwerte sich eine herrlich aussehende Kokosmakrone rechts von mir, „ du machst dich doch breit wie ein fetter Christstollen.“ Sie lächelte mir freundlich zu und ich strahlte zurück. Was wäre wohl, träumte ich, wenn wir unsere Zutaten zusammenmischten? Es käme bestimmt etwas besonders Süßes heraus.
Ich sah mich um. Ein bisschen eng war’s schon auf diesem bunten Teller, aber die Farbenpracht und der Geruch waren einmalig. Ich freute mich schon auf den großen Tag. Wenn eine kleine Kinderhand nach mir greift und mich genussvoll verschlingt. Das ist eben für uns Plätzchen die Krönung. Meine nette Kokosmakrone neben mir war eingeschlafen. Ihr zarter Duft machte mich ganz schwindelig.
„Bist du neu hier?“ Ich äugte nach links oben, von wo diese tiefe Stimme kam und schaute auf den wohl bestgelungensten Gewürzlebkuchen aller Zeiten. Er trotzte nur so vor Korinthen, Rosinen und Schokostückchen.
„Ja, ich bin noch ganz warm“, sagte ich. „Du siehst sehr appetitlich aus, so rund und saftig“, lobte er mich. „Danke, aber nichts gegen dich. Du bist fantastisch.“ Der Lebkuchen räkelte sich richtig unter meinem Kompliment.
„Stimmt, ich bin wirklich gut gelungen. Die Hausherrin probierte ein neues Rezept. Sie hat sich sehr viel Mühl gegeben.“
„Ach Papperlapapp“ schimpfte die dicke Marzipankartoffel auf ein Neues. „Ihr mit eurem Geschwätz. Spätestens bis zum 2. Weihnachtsfeiertag werdet ihr einfach in volle Bäuche gestopft und keiner wird sich mehr an euer Aussehen erinnern oder an euren Geruch. Ihr seid eingebildete Narren.“
„Vielleicht hast du Recht“, pflichtete ich ihr bei, „aber unsere Aufgabe ist es nun mal gut auszusehen und zu schmecken.“
„Wenn du so weiter meckerst“, lachte ein Butterplätzchen schräg oben von uns, „wird dich keiner mehr vernaschen, weil du nämlich bis dahin sauer geworden bist.“
Wir lachten alle schallend und die Marzipankartoffel wurde ganz dunkelbraun vor Wurt. Mein süße Kokosmakrone war aufgewacht und hatte uns eine Weile wortlos kerze.gifzugehört.
„Versteht ihr denn den Sinn dieses Festes überhaupt nicht? Es geht doch nicht darum, wer am besten gelungen ist, die schönste Farbe hat und am leckersten schmeckt. Oder wer den besten Platz im runden Teller hat. Wichtig ist nur, dass wir alle, wie wir hier liegen, Freude bereiten und dazu beitragen, dass es ein gelungenes Fest wird. Und wenn wir uns bis dahin alle vertragen, werden sich unsere Aromen vermischen und wir alle werden unvergesslich schmecken.“
Es wurde still im buntgemischten Weihnachtsteller. Die Marzipankartoffel rutschte noch ein bisschen weiter nach unten, aber sie sagte nichts mehr. Die Anderen nickten zustimmend. Ich schaute stolz auf meine kleine Makrone, denn was sie gerade sagte, war das beste Rezept, was je geschrieben wurde.

Kirchenmaus

Dienstag, Dezember 22nd, 2020

Zum 22. Kalendertürchen

Was die Maus träumt
von Rosario Valderrama

Es war ein bitterkalter Heiligabend in einer kleinen Stadt im kalten Norden Mexicos. Eine kleine braune Maus saß zitternd im Schnee. »Wo soll ich heut Nacht bloß schlafen? Ich werde erfrieren« piepste sie zähneklappernd. Da sah sie eine Kirche…
Die große schwere Holztür stand einen Spaltbreit offen, und ein Lichtstrahl fiel nach draußen auf den Schnee. Die Maus spähte hinein – niemand war da. Auf dem Boden war eine Krippe aufgebaut. Wie schön, dachte die Maus, und ging näher heran. Bestimmt hat keiner was dagegen, wenn ich hier übernachte. Sie betrachtete die starren Tonfiguren. Maria und Joseph sahen liebevoll zum Baby, das im Heu lag, und um die drei herum standen die Stalltiere. Die Maus dachte: ‚Das arme Baby friert bestimmt. Es hat ja fast nichts an. Wenn ich neben ihm schlafe, können wir uns gegenseitig wärmen.‘ Und sie kuschelte sich an das Christkind und schlief ein.

Im Traum hörte sie Stimmen.»Armes Ding« sagte jemand leise. »Bestimmt ist sie müde und friert«.
»Wir müssen sie mit Heu zudecken« sagte eine Männerstimme. Die Maus lächelte im Schlaf als sie fühlte, wie jemand sie vorsichtig zudeckte und eine kleine Hand ihr über den Kopf streichelte.
Als der Priester am nächsten Weihnachtstag die Kirche betrat und die Krippe sah, staunte er nicht schlecht. Er beugte sich nach unten, um besser sehen zu können. Maus
»Na so was!« flüsterte er. »Da liegt eine Maus beim Jesuskind und schläft! Und was für ein merkwürdigen weißen Fleck sie auf dem Kopf hat! Wie mag der da hingekommen sein? Hm, das ist bestimmt eine ganz besondere Maus.«
Gerade in diesem Moment wachte die Maus auf. »Keine Angst…« sagte der Priester freundlich, »Ich tu dir nichts. Von nun an kannst du hier in der Kirche wohnen.«
Die Maus war so glücklich! Sie sah den Priester an und dann das Christkind. Und da bemerkte sie, daß es ihr einen Moment lang zulächelte.

Seit diesem Tag lebte die Maus in der Kirche. Und auch ihre Kinder und Enkelkinder lebten dort, und alle hatten sie einen weißen Fleck auf dem Kopf.

Waldweibchen in Steinbach

Montag, Dezember 21st, 2020

Zum 21. Kalendertürchen

Im „Sagenschatz des Königreichs Sachsen“ von 1874 findet man die Sage vom Waldweibchen in Steinbach, aufgezeichnet vom Erzgebirgschronisten Christian Lehmann in der Naturchronik, dem Historischer Schauplatz derer natürlichen Merkwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge, Leipzig 1699:

In den Wäldern bei Steinbach und Grumbach ohnweit Jöhstadt läßt sich oft ein altes Mütterchen sehen, das ist das Waldweibchen. Es thut Niemandem etwas zu Leide, ja es hilft sogar den Leuten bei der Arbeit. Man erzählt, daß es vom Satan oder dem wilden Jäger gejagt werde und auf seiner Flucht einen Stock, in dem die Holzhauer ein Kreuz gehauen, suche, sich darauf setze und alsdann erlöst werde.
Im Jahre 1633 hat bei Steinbach am Aschermittwoche ein Bauer einen Baum im Walde gefällt, und indem der Baum im Falle ist, haut er nach der Holzhacker Gebrauch ein Kreuz hinein. Sogleich kommt ein gejagtes Weiblein und bleibt an dem mit dem Kreuze gezeichneten Baume stehen, da es denn sitzen geblieben. Unterdessen füllt es dem Holzhacker seinen Korb mit Spähnen, er aber schüttet die Spähne wieder aus, und davon ohngefähr ein Spähnchen hängen geblieben, findet er, als er nach Hause kommt, an dessen Statt einen ganzen Thaler. Er geht also bald wieder in den Wald, in der Hoffnung, solcher Thalerspähne viele aufzulesen, aber vergebens. Doch weil der Mann damals in kurzer Zeit zu Mitteln gekommen, hat man vermuthet, er müsse doch etwas gefunden haben. Von dieser Zeit an geht niemand gern am Aschermittwoch daselbst in’s Holz, in der Meinung, der wilde Jäger jage das Holzweibchen am Aschermittwoch.

Die Weihnachtskrippe daheim

Sonntag, Dezember 20th, 2020

Zum 20. Kalendertürchen

Der Bruder meiner Mutter, namens Joseph Hartel, ein noch unverehelichter junger Mann, der schöne Blechwaren aller Art verfertigte, besuchte uns, besonders im Winter, alle Abende. Er war immer heiter und voll witziger Einfälle. Wir Kinder alle waren immer hocherfreut, wenn der Herr „Vetter Joseph“ kam, wie wir ihn nannten.
– Uns Kindern und den Kindern einer Schwester und auch einiger Nachbarn Freude zu machen, hatte er in einer Ecke seines Wohnzimmers zwischen den zwei Fenstern eine „Weihnachtskrippe“ angebracht. Man sah einen großen Berg mit Felsen und Wäldchen und zerstreuten ländlichen Hütten. Krippenszene
Ganz oben auf dem Berge befand sich die Stadt Bethlehem. Wenn er uns bei Tage die Krippe zeigte, rauchten alle Kamine der Stadt, bei Nacht waren alle Fenster erleuchtet. Dies wurde durch ein Glutpfännchen mit Weihrauch oder einer kleinen Lampe bewirkt, die er in das Innere der Stadt hineinstellte, die aus Blech gefertigt und zierlich mit Farben bemalt war. Unten im Tale befand sich auf einer Seite eine grüne Ebene mit vielen Schafen und Lämmchen und mit dem Hirten, der auf einer Schalmei spielte. Zur andern Seite war ein kleiner See von wirklichem Wasser, in dessen Mitte, so zart wie das feinste Silberfädchen, ein Springbrunnen empor sprudelte. Auf dem See befanden sich zwei Schwäne; wenn man ihnen ein kleines rotes Stäbchen, das bereit lag und an dessen Spitze etwas Brot befestigt war, vorhielt, so kamen sie herbei; zeigte man ihnen aber den breiten Teil des Stäbchens, so wichen sie zurück. Diese Wunder des uns unbekannten Magneten erfreute uns Kinder sehr. Die größte Freude aber machte und das göttliche Kind mit Maria und Joseph; auch die anbetenden Hirten und die heiligen drei Könige, die mit aller königlichen Pracht erschienen. –
Noch jetzt zur Stunde erinnere ich mich an alles sehr klar und deutlich. – In Hinsicht der Kunst mochte dieses alles wohl keinen Wert haben. In Bezug auf die Zeitverhältnisse war manches irrig und ganz verfehlt. Aus den Mauern Bethlehems schauten zum Beispiel Kanonen hervor; der ehrwürdige Greis Simeon hatte eine Brille auf; die heiligen drei Könige waren mit dem doppelten Adler oder einem Ordenskreuz geschmückt. Allein all dieses irrte und Kinder nicht. Wir hatten dabei sehr andächtige Empfindungen, die wohl nicht ohne Gewinn waren für das ganze Leben.

Christoph von Schmid (1768 – 1854)

Das Gewicht der Schneeflocke

Samstag, Dezember 19th, 2020

Zum 19. Kalendertürchen

Das Gewicht der Schneeflocke

„Es schneit“, sagte der Wolf.
„Was du nicht sagst, Gevatter“, brummte der Bär. „Mehr als tausend Schneeflocken“, sagte der Fuchs, „aber auf meinem Pelz spüre ich sie überhaupt nicht!“
„Sie schmelzen auf meiner Hasennase“, sagte der Hase, und dann fügte er nachdenklich hinzu: „Man spürt sie nicht. Doch sie haben ein Gewicht!“
„Eine Schneeflocke wiegt weniger als nichts“, knurrte der Wolf. „Und sie hat keine Kraft“, brummte der Bär. „Aber sie wiegt doch etwas und sie hat auch Kraft“, sagte der Hase. Die Tiere gerieten in Streit, ob die Schneeflocke etwas wiegt oder nicht.

„Wir wollen die Schneeflocken zählen, die da auf den alten, dicken Ast fallen“, sagte der Hase. „Da wird man sehen, ob die Schneeflocke Gewicht hat.“ Der Bär und der Wolf lachten so laut, dass es durch den ganzen Wald schallte. Aber weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten, zählten sie mit:
„Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben …“

Schneeflocken zählen

Als sie bei zweitausendachthundertsiebenundsechzig angekommen waren, machte es plötzlich „krach“, und der dicke mächtige Ast brach ab.
„Der Hase hat Recht“, knurrte der Wolf, und sogar der Bär wunderte sich über die Kraft der Schneeflocken.

Fredrik Vahle

Weihnachten ohne Mutter

Mittwoch, Dezember 16th, 2020

Zum 16. Kalendertürchen

Weihnachten ohne Mutter
Netzfundstück – Autor nicht bekannt

familieLiebe Kinder,

dieses Weihnachten werdet ihr ohne mich verbringen müssen; denn ich werde über die Feiertage verreisen.
Ich weiß noch nicht genau wohin, aber ich möchte dieses Christfest einmal auf eine andere Weise feiern. Vater konnte ich nicht überzeugen, mich zu begleiten, ihr könnt also ruhig nach Hause kommen. Da die Feiertage schon seit so vielen Jahren nach festen Ritualen ablaufen, werdet ihr es auch ohne mich schaffen.

Zwar habe ich sonst ein paar kleine Vorbereitungen getroffen, aber unter euch sind ja drei perfekte Hausfrauen, die mir so oft gut gemeinte Ratschläge geben konnten.
Die Gästebetten könnt ihr bei Schmidts nebenan und bei Hansens ein Stück die Straße runter leihen. Ich wollte euch das Festmahl nicht vorschreiben, deshalb habe ich nichts eingekauft. Die Menge für 12 Personen errechnet ihr einfach, indem ihr den Viertagesbedarf eurer drei Familien zusammenrechnet. Mit meinem kleinen Wagen musste ich ein paarmal fahren, aber ihr habt alle so schöne große Limousinen. Wenn ihr zusammen fahrt, ist es auch mit den schweren Getränkekästen bequemer.
Vielleicht solltet ihr auch auswärts essen, das Spülen der Geschirrberge hält immer so auf. Ansonsten benutzt ruhig mein gutes Geschirr. Ich habe jetzt eines mit Nachkaufgarantie, es macht also nichts, wenn die Kinder etwas zerschlagen. Die Preisliste liegt in der Schrankschublade; legt einfach das Geld dazu, ich vervollständige dann später das Service.

Eines macht mir allerdings Sorgen: Wer wird den Schlichter bei euren Diskussionen machen, wenn ich nicht da bin? Ihr wisst ja, dass Vater sich lieber raushält, weil seine Nerven zu empfindlich sind. Am besten, ihr bleibt alle ein bisschen gelassener, auch bei Erziehungsfragen. Jeder macht schließlich bei der Aufzucht des Nachwuchses Fehler. Ich habe mir da auch einiges vorzuwerfen. Aber glaubt mir, es ist nie zu spät, mit dem Umerziehen anzufangen.

Übrigens finanziere ich mit dem Geld, das ich sonst für eure Geschenke verwandt habe, dieses Jahr meine Reise. Löst doch die Gutscheine, die ihr für mich gekauft habt, ein und kauft euch selbst eine Kleinigkeit.

Fröhliche Weihnachten wünscht euch
Eure Mutter