Archive for the ‘Winterbilder’ Category

Schnee fällt

Dienstag, Dezember 26th, 2017

Zum 26. Kalendertürchen

Schnee fällt.
Es fällt ein winzig weißer Flaum.
Es fällt der Schnee auf einen kahlen Baum.

Es fällt der Schnee,
es fällt der Schnee jetzt dicht.
Er liegt am Boden, weißes weiches Licht.

Auf allen Häusern liegt der Schnee,
der Schnee.
Der Schnee tut keinem weh.

Es fällt ein Schnee bis tief ins Herz hinein.
Schnee fällt.
O könnte ich ein Schneemann sein.

Schnee fällt.
Ich geh im Schnee, und hinter mir
Verwischt der Schnee die Spur.
Ich geh von dir.

Schneewände hat der Schnee rings aufgebaut.
Der Hunger schreit im Schnee nicht mehr so laut …
Schnee fällt.

Johannes R. Becher (1891 – 1958 )

White World

White World - Foto: Michael Berghaus, Ipernity

Einsam am Heiligen Abend

Sonntag, Dezember 24th, 2017

Zum 24. Kalendertürchen

Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.

Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut. Im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.

Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. “Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?” fragte ich einmal meine Mutter. “Ja, man sagt’s.” – “Ja … ich hab’ ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte …”

“Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist”, sagte meine Mutter. “Hat er denn keine Geschwister?” fragte ich. “Nein – er ist ganz allein auf der Welt…”

Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.

Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.

Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. “Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?” – “Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause.”

Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem “Zuhause”. – In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß – ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.

Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: “Du bist ein guter, kleiner Bub.” Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.

Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte gebrüllt.

Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: “Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend…”

Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.

Hermann Bang (1857-1912)

winterwalk.jpg

Ein winterliches Gedicht

Dienstag, Dezember 19th, 2017

Zum 19. Kalendertürchen

Erst gesten war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.

Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.

Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.

Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder.
der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die Wälder.

Alexander Puschkin (1799-1837)

Brücken im Johannapark

Brücken im Leipziger Johannapark
Auch in diesem Jahr wieder ein Winterbild von Andreas. Danke!

Auf die nunmehr angekommene kalte Winterszeit

Donnerstag, Dezember 14th, 2017

Zum 14. Kalendertürchen

Der Winter hat sich angefangen,
der Schnee bedeckt das ganze Land,
der Sommer ist hinweggegangen,
der Wald hat sich in Reif verwandt.

Die Wiesen sind vom Frost versehret,
die Felder glänzen wie Metall,
die Blumen sind in Eis verkehret,
die Flüße stehn wie harter Stahl.

Wohlan, wir wollen wieder von uns jagen
durchs Feuer das kalte Winterleid!
Kommt, laßt uns Holz zum Herde tragen
und Kohlen dran, jetzt ist es dran.

Johann Rist (1607-1667)
Sonnenuntergang hinter dem Schloss Machern
Sonnenuntergang hinter dem Schloss Machern – Foto von Andeas. Danke 😉

Der Seufzer, Morgenstern

Dienstag, Dezember 12th, 2017

Zum 12. Kalendertürchen

Der Seufzer
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –
und er sank – und ward nimmer gesehen.

Outdoor ice skating in Austria

Outdoor ice skating in Austria – Kafubra CC @ Presseggersee 28.12.2003