Posts Tagged ‘schnee’

Neuschnee, Morgenstern

Samstag, Dezember 23rd, 2017

Zum 23. Kalendertürchen

Neuschnee
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur –

Kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

Winter am Schöppenteich / Taucha

Winter am Schöppenteich / Taucha

Vom Schnee und vom Schneeglöckchen

Mittwoch, Dezember 20th, 2017

Zum 20. Kalendertürchen

Der Herr hat alles erschaffen: Gras und Kräuter und Blumen. snowdrops.gifEr hatte ihnen die schönsten Farben gegeben. Zuletzt machte er nun noch den Schnee und sagte zu ihm: „Die Farbe kannst du dir selbst aussuchen. So einer wie du, der alles frisst, wird ja wohl etwas finden.“
Der Schnee ging also zum Gras und sagte: „Gib mir deine grüne Farbe!“ Er ging zur Rose und bat sie um ihr rotes Kleid. Er ging zum Veilchen und dann zur Sonnenblume. Denn er war eitel. Er wollte einen schönen Rock haben. Aber Gras und Blumen lachten ihn aus und schickten ihn fort.
Er setzte sich zum Schneeglöckchen und sagte betrübt: „Wenn mir niemand eine Farbe gibt, so ergeht es mir wie dem Wind. Der ist auch nur darum so bös, weil man ihn nicht sieht.“ Da erbarmte sich das Schneeglöckchen und sprach: „Wenn dir mein Mäntelchen gefällt, kannst du es nehmen.“ Der Schnee nahm das Mäntelchen und ist seitdem weiss. Aber allen Blumen ist er er seitdem feind, nur nicht dem Schneeglöckchen.

Oskar Dähnhardt

Flockendichte Winternacht

Mittwoch, Dezember 20th, 2017

Zum 20. Kalendertürchen

Winternacht
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Flockendichte Winternacht…
Heimkehr von der Schenke…
Stilles Einsamwandern macht,
daß ich deiner denke.

Schau dich fern im dunklen Raum
ruhn in bleichen Linnen…
Leb ich wohl in deinem Traum
ganz geheim tiefinnen?…

Stilles Einsamwandern macht,
daß ich nach dir leide…
Eine weiße Flockennacht
flüstert um uns beide…

Schnee

Winter im Johannapark, Leipzig

Ein Wintergedicht

Freitag, Dezember 15th, 2017

Zum 15. Kalendertürchen

Ein Wintergedicht

Ich seh‘ Flocken fallen, vom Himmel hoch,
in sanften Wiegen, leicht und gemach.
Sie decken Wälder und Wiesen zu
mit ihrer weißen Pracht.

Schneemann

Der Schneemann, belebt von Kinderhand,
hebt lachend seinen Stock.
Ein Häschen hoppelt zu ihm heran,
schaut mutig zu ihm hoch.

„Ach Schneemann, du großer, starker Wicht,
gib mir deine Nase jetzt.
Siehst du nicht, dass ich hungern muss
hältst du die Rübe fest?“

Der Schneemann erbarmt sich des Häschens Leid
und schüttelt seinen Schopf.
Die Rübe fällt ihm aus dem Angesicht,
dem Häschen fast auf den Kopf.

„Dank dir lieber Schneemann, Dank.
Du rettest das Leben mir.
Der Winter ist so furchtbar kalt,
ich will wärmen dich dafür.“

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Der Schneemann lächelt von oben herab
und brummt dem Häschen zu:
„Die Wärme ist für dich angenehm,
aber mir gibt die Kälte Ruh.“

„Zieh‘ weiter, mein Häschen, zieh weiter geschwind,
such dir einen Schlafplatz zur Ruh‘.
Und träum von mir, deinem großen Freund.
Die Sterne schauen dir zu.“

„Sie blinken herab in dunkler Nacht,
und leuchten am Firmament.
Sie schenken dir Träume, wie du sie magst,
bis an dein Lebensend.“

Im Schnee, Keller

Donnerstag, Dezember 7th, 2017

Zum 07. Kalendertürchen

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld naß und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes

Gottfried Keller (1819-1890)

Allein in der Kälte_1024

Allein in der Kälte im Januar 2009 bei -8 Grad