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Das Gewicht der Schneeflocke

Montag, Dezember 9th, 2019

Zum 09. Kalendertürchen

„Es schneit“, sagte der Wolf.
„Was du nicht sagst, Gevatter“, brummte der Bär. „Mehr als tausend Schneeflocken“, sagte der Fuchs, „aber auf meinem Pelz spüre ich sie überhaupt nicht!“
„Sie schmelzen auf meiner Hasennase“, sagte der Hase, und dann fügte er nachdenklich hinzu: „Man spürt sie nicht. Doch sie haben ein Gewicht!“
„Eine Schneeflocke wiegt weniger als nichts“, knurrte der Wolf. „Und sie hat keine Kraft“, brummte der Bär. „Aber sie wiegt doch etwas und sie hat auch Kraft“, sagte der Hase. Die Tiere gerieten in Streit, ob die Schneeflocke etwas wiegt oder nicht.

„Wir wollen die Schneeflocken zählen, die da auf den alten, dicken Ast fallen“, sagte der Hase. „Da wird man sehen, ob die Schneeflocke Gewicht hat.“ Der Bär und der Wolf lachten so laut, dass es durch den ganzen Wald schallte. Aber weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten, zählten sie mit:
„Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben …“

Schneeflocken zählen

Als sie bei zweitausendachthundertsiebenundsechzig angekommen waren, machte es plötzlich „krach“, und der dicke mächtige Ast brach ab.
„Der Hase hat Recht“, knurrte der Wolf, und sogar der Bär wunderte sich über die Kraft der Schneeflocken.

Fredrik Vahle

Im Schnee, Keller

Samstag, Dezember 7th, 2019

Zum 07. Kalendertürchen

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld naß und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes

Gottfried Keller (1819-1890)

Allein in der Kälte_1024

Allein in der Kälte im Januar 2009 bei -8 Grad

Zwiespältig

Mittwoch, Dezember 4th, 2019

Zum 04. Kalendertürchen

Vom Christkindmarkt erklingen Weihnachtslieder,
und Kinderaugen staunen Schätze an.
Vom Winterhimmel fällt ein Sternchen nieder,
und durch das Kaufhaus geht der Weihnachtsmann.

Horch, aus der Kirche tönt nun Orgelklang,
von dem Altar steigt auf der Weihrauchduft.
Es mischt sich mit der Engel Lobgesang
das Glockenläuten in der kalten Luft.

Doch als ich angefragt bei vielen Leuten,
was Weihnachtstage wohl für sie bedeuten,
da zeigten wortlos sie aufs Portmonee:

Familienfeier, Stress und Kauferei,
Geschenke, Urlaub, ein paar Tage frei –
Der Sinn? – Erholung. „Schön wär jetzt noch Schnee.“

von Gisela Schäfer

Der erste Schnee des Winters 2014

Der erste Schnee des Winters 2014 – Vielen Dank an Strohhut Pictures

Stille Winterstraße, Ringelnatz

Sonntag, Dezember 1st, 2019

Zum 01. Kalendertürchen

Stille Winterstraße
von Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Es heben sich vernebelt braun
Die Berge aus dem klaren Weiß,
Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun,
Steht eine Stange wie ein Steiß.

Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf,
Wie ihn kein Maler malen darf,
Wenn er’s nicht etwas kann.
Ich stapfe einsam durch den Schnee.
Vielleicht steht links im Busch ein Reh
Und denkt: Dort geht ein Mann.

Vielleicht steht links im Busch ein Reh

Vielleicht steht links im Busch ein Reh