Archive for the ‘Gedichte’ Category

Schnee fällt

Dienstag, Dezember 26th, 2017

Zum 26. Kalendertürchen

Schnee fällt.
Es fällt ein winzig weißer Flaum.
Es fällt der Schnee auf einen kahlen Baum.

Es fällt der Schnee,
es fällt der Schnee jetzt dicht.
Er liegt am Boden, weißes weiches Licht.

Auf allen Häusern liegt der Schnee,
der Schnee.
Der Schnee tut keinem weh.

Es fällt ein Schnee bis tief ins Herz hinein.
Schnee fällt.
O könnte ich ein Schneemann sein.

Schnee fällt.
Ich geh im Schnee, und hinter mir
Verwischt der Schnee die Spur.
Ich geh von dir.

Schneewände hat der Schnee rings aufgebaut.
Der Hunger schreit im Schnee nicht mehr so laut …
Schnee fällt.

Johannes R. Becher (1891 – 1958 )

White World

White World - Foto: Michael Berghaus, Ipernity

Zu Bethlehem, da ruht ein Kind

Montag, Dezember 25th, 2017

Zu Bethlehem, da ruht ein KindA
Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Zu Bethlehem, da ruht ein Kind,
Im Kripplein eng und klein,
Das Kindlein ist ein Gotteskind,
Nennt Erd’ und Himmel sein.

Zu Bethlehem, da liegt im Stall,
Bei Ochs und Eselein,
Der Herr, der schuf das Weltenall,
Als Jesukindchen klein.

Von seinem gold’nen Thron herab
Bringt’s Gnad und Herrlichkeit,
Bringt jedem eine gute Gab’,
Die ihm das Herz erfreut.

Der bunte Baum, vom Licht erhellt,
Der freuet uns gar sehr,
Ach, wie so arm die weite Welt,
Wenn’s Jesukind nicht wär’!

Das schenkt uns Licht und Lieb’ und Lust
In froher, heil’ger Nacht.
Das hat, als es nichts mehr gewußt,
Sich selbst uns dargebracht.

O wenn wir einst im Himmel sind,
Den lieben Englein nah,
Dann singen wir dem Jesukind
Das wahre Gloria.

Neuschnee, Morgenstern

Samstag, Dezember 23rd, 2017

Zum 23. Kalendertürchen

Neuschnee
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur –

Kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

Winter am Schöppenteich / Taucha

Winter am Schöppenteich / Taucha

Flockendichte Winternacht

Mittwoch, Dezember 20th, 2017

Zum 20. Kalendertürchen

Winternacht
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Flockendichte Winternacht…
Heimkehr von der Schenke…
Stilles Einsamwandern macht,
daß ich deiner denke.

Schau dich fern im dunklen Raum
ruhn in bleichen Linnen…
Leb ich wohl in deinem Traum
ganz geheim tiefinnen?…

Stilles Einsamwandern macht,
daß ich nach dir leide…
Eine weiße Flockennacht
flüstert um uns beide…

Schnee

Winter im Johannapark, Leipzig

Das richtige Pferd

Dienstag, Dezember 19th, 2017

Zum 19. Kalendertürchen

»Mein Kind, es sind allhier die Dinge, gleichviel, ob große, ob geringe,
im Wesentlichen so verpackt, dass man sie nicht wie Nüsse knackt.«
 Wilhelm Busch

Das richtige Pferd

Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd!
Mein Schaukelpferd ist gar nichts wert,
es hat so steife Beine,
es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht,
und macht solch ledernes Gesicht,
und weiß nicht, was ich meine.

Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd,
ein wirklich richtiges Pferd beschert,
dann reit ich über die Brücke,
und reite durch den Kiefernforst
nach Vehlefanz und Haselhorst
und noch fünf große Stücke.

Dann bin ich mitten in der Welt,
da such ich mir ein Haberfeld
und lasse mein Pferdchen grasen.
Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt,
wo der Riese den Regenbogen hält,
und – schick euch ’ne Ansichtspostkarte.
Paula und Richard Dehmel
ein richtiges Pferd