Archive for the ‘Gedichte’ Category

Schnee

Dienstag, November 29th, 2022

 

Schnee

Weiß sind die entfernt liegenden Ebenen,
und weiß werden die verblaßten Wälder.
Der Wind erstirbt längs des Gipfels.
Der Schnee fällt dicht, kaum hörbar,
sammelt seine Last auf Dächern und Bäumen.
Die Wiesen und die verstreuten Bäche
liegen lautlos da.

Wie ein gütiger Gesandter der Träume
bedeckt mich der Schnee völlig.
In Wald und Waßer, Erde und Luft liegt Stille.
Unterbrochen nur, wenn hin und wieder
ein Pferdeschlitten mit knirschenden Kufen
und durchdringendem Geläut
durch den Schnee vorwärts drängt,
an mir vorbei fährt und verschwindet.

Aus dem Nichts höre ich entfernt
und doch klar das Bellen eines Hundes erschallen,
getragen vom Widerhall aus einer Scheune am Wege.
Dann ist alles still und der Schnee senkt sich langsam und sanft.

Der Abend schreitet fort
und sein Grau verbindet Himmel und Erde.
Die Welt scheint verschleiert und weit weg entrückt.
Ihr Lärm ruht
und ich schleppe mich dumpf dahin und träume,
wie der versteckte Bach.

Archibald Lampman (1861-1899)

elsternimschnee-s.jpg
Immer wieder schön sind waren Bilder aus Chronos Wintergalerie (2010)

Ein Licht, das leuchten will

Montag, November 28th, 2022

 

Ein Licht, das leuchten will, muss sich verzehren;
Trost, Licht und Wärme spendend, stirbt es still.
Ein Licht, das leuchten will, kann nichts begehren,
als dort zu stehen, wo’s der Meister will.

Ein Licht, das leuchten will, dem muss genügen,
dass man das Licht nicht achtet, nur den Schein.
Ein Licht, das leuchten will, muss sich drein fügen,
für andre Kraft und für sich nichts zu sein.

Ein Licht, das leuchten will, darf auch nicht fragen,
ob’s vielen leuchtet oder einem nur.
Ein Licht, das leuchten will, muss Strahlen tragen,
wo man es braucht, da lässt es seine Spur.

Ein Licht, das leuchten will in Meisters Händen,
es ist ja nichts, als nur ein Widerschein;
des ew’gen Lichtes Glanz darf es uns spenden,
ein Licht, das leuchten will für Gott allein.

Hedwig von Redern (1866-1935)

Bild von Myriams-Fotos auf Pixabay

Novembermorgen

Samstag, November 26th, 2022

Von den Bergen fallen wieder
kühle Nebel – still und sacht –
auf die alte Stadt hernieder,
abzulösen nun die Nacht.

In den dunklen Gassen drängen
sich die Häuser – dicht an dicht –
lassen stumm die Giebel hängen,
so, als scheuten sie das Licht.

Fast schon ist die alte Linde
– wie schon mehr als hundertmal –
bestürmt vom Hauch der kalten Winde
ausgezogen, nackt und kahl.

Die Uhr, die volle Stunde zeigend,
löst den dumpfen Glockenschlag.
Und Menschen gehen – gebeugt und schweigend –
durch den Nebel in den Tag.

Hans Schletz

Herbst

Herbst

Kinderfest im Herbst

Freitag, November 11th, 2022

Doch ehe der Herbst uns ganz verläßt,
So bringt er uns noch ein Kinderfest:
Sobald es Abend, zieh’n wir aus
Und wandern singend von Haus zu Haus,

Und bitten dem heiligen Martin zu Ehren
Uns kleinen Kindern was zu bescheren.
Da reicht man uns Aepfel und Nüsse dar,
Zuweilen auch Honigkuchen sogar.

Wir sprechen unsern Dank dafür aus
Und wandern dann in ein anderes Haus.
Nun laßt uns heute singen auch
Wie’s ist am Martinstag der Brauch!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

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Luis Graner y Arrufi (1863 – 1929)