Archive for the ‘Gedichte’ Category

Der Seufzer, Morgenstern

Freitag, Dezember 12th, 2025

Zum 12. Kalendertürchen

Der Seufzer
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein –
und er sank – und ward nimmer gesehen.

Outdoor ice skating in Austria

Outdoor ice skating in Austria – Kafubra CC @ Presseggersee 28.12.2003

Dezember

Donnerstag, Dezember 11th, 2025

Zum 11. Kalendertürchen

DezemberWilhelm Müller

Mit Peitschenknall und lautem Schellenklange
Meld’ ich mich dir, und schüttle weiße Flocken
Durch alle Straßen hin aus meinen Locken:
Dich, hoff’ ich, macht das Ungethüm nicht bange.

Es schnaubt der Renner an des Schlittens Stange,
Das blanke Halsband schütteln deine Doggen;
Die Dame hüllt in warme Flaumensocken
Den zarten Fuß, und denkt: Er bleibt so lange.

Was zauderst du? Sitz’ auf, mein Freund, geschwinde!
Und sei mir auf der Fahrt nicht zu verwegen,
Muß ich im Namen deiner Schönen bitten.

Den süßen, warmen Odem wehn die Winde
Und manche weiche Locke dir entgegen:
Halt kurz das Roß, und sieh auf deinen Schlitten!

„Upon A Midnight Clear“ von Charlotte Joan Sternberg

„Upon A Midnight Clear“ von Charlotte Joan Sternberg

Jedem Wichtl sei Gedichtl

Mittwoch, Dezember 10th, 2025

Zum 10. Kalendertürchen

Mit jedem der handgefertigten Räuchermännchen verbinden die ‚Macher‘ dieser Männchen nicht nur eine Menge Zeit und Liebe, sondern auch die eine oder andere kleine Episode. Sei es die tatsächlich existierende Legende vom „Zschorler Mondputzer“ oder nur Meister Maulwurf aus dem Garten, dessen unablässiges Graben man ihm immer wieder nachsehen möchte. Das ist Inspiration genug für Christina Mothes, um während der liebevollen Bemalung immer öfters ein kleines Gedicht zum Räuchermännchen zu verfassen.

baumdieb

Der Christbaumdieb
www.drechslerei-mothes.de
(leider offline)

 

Dor Christbaamdieb
(Mundart)

E Christbaam, festlich aageputzt,
dar darf net aussah wie gestutzt,
racht schie gewachsen un net krumm,
sonst haat´s dan Baam, wenn´s passt,
noch um.
Un su en Baam, su ganz verstuhl´n,
im Wald vielleicht noch salber huhl´n,
für´n Arzgebirgler war´s fürwahr
dor grässte Spass vom ganzen Gahr!
Doch heit, ihr Leit, dos kennt ihr glaab´n,
kaa sowas ganz schie teier war´n!
Drum, wenn eich heit dos Fieber packt,
en Baam im Garten oogezwackt,
do brauchst dich net vor´m Färschter ducken,
bei jedem Knistern zammzezucken,
drum namm, wenn dich dor Hafer sticht,
vom Nachbar driem de Silberficht!

Schliesslich hat jedes einzelne seine Geschichte – und die will erzählt sein! Wer das jetzt hier liest – dieser Beitrag ist schön älter. Ich weiß nicht, ob noch jeder Wichtel ein Gedichtl bekommt, aber die Drechslerei bietet ihre individuellen Männel nach wie vor an. Lick liegt uf der Räucherfigur.

Im Winter, Trakl

Dienstag, Dezember 9th, 2025

Zum 09. Kalendertürchen

Im Winter
von Georg Trakl (1887-1914)

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Im Schnee, Keller

Montag, Dezember 8th, 2025

Zum 08. Kalendertürchen

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld naß und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes

Gottfried Keller (1819-1890)

Allein in der Kälte_1024

Allein in der Kälte im Januar 2009 bei -8 Grad

Die zwei Wurzeln

Sonntag, Dezember 7th, 2025

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt knig,
die andere sagt knag.
Das ist genug für einen Tag.

Christian Morgenstern (1871-1914)

Ein altes Eichhorn sitzt dabei und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Erster Schnee, Morgenstern

Freitag, Dezember 5th, 2025

Zum 05. Kalendertürchen

Erster Schnee
von Christian Morgenstern (1871-1914)

Aus silbergrauen Gründen tritt
ein schlankes Reh
im winterlichen Wald
und prüft vorsichtig Schritt für Schritt,
den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.

Und deiner denk ich, zierlichste Gestalt.

Reh

Bild von Sirpa P auf Pixabay

Donnerstag, Dezember 4th, 2025

Zum 04. Kalendertürchen

Blütenzweig
von F.A.Hoyer

Brich von jenem Baum im Garten,
der im Frühjahr dir die ersten Blüten gab,
heute einen schwarzen winterharten
Zweig für deine Kammer ab.

Stell ihn auf die alte, dunkle Truhe.
Sorg dich seiner! Gast in deinem Haus,
breitet er dir wunderliche Ruhe
bald im Raum und um dein Wesen aus.

Einmal morgens nimm ihn eine Weile
gut in deines Atems warmen Hauch.
Sieh, schon treibt durch ihn das unversehrte, heile
Wachstum wie durch einen Frühjahrsstrauch.
Freu dich, denn dies ist ja das Leben,
das dir kommt in deine Einsamkeit.

Blütenzweig

Blütenzweig