Posts Tagged ‘gedicht’

Christkind im Walde

Montag, Dezember 20th, 2021

Zum 20. Kalendertürchen

Christkind kam in den Winterwald,
der Schnee war weiß, der Schnee war kalt.
Doch als das heil’ge Kind erschien,
fing’s an, im Winterwald zu blühn.

Christkindlein trat zum Apfelbaum,
erweckt ihn aus dem Wintertraum.
„Schenk Äpfel süß, schenk Äpfel zart,
schenk Äpfel mir von aller Art!“

Der Apfelbaum, er rüttelt sich,
der Apfelbaum, er schüttelt sich.
Da regnets Äpfel ringsumher;
Christkindleins Taschen wurden schwer.

Die süßen Früchte alle nahm’s,
und so zu den Menschen kam’s.
Nun, holde Mäulchen, kommt, verzehrt,
was euch Christkindlein hat beschert!

Ernst von Wildenbruch (1845-1909)
Kind mit Schlitten

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Barbara-Gedicht

Samstag, Dezember 4th, 2021

Zum 04. Kalendertürchen

Lieber Gott, ich fleh zu dir,
beschütz den guten Vater mir!
Dort unten in dem tiefen Schacht,
gib auf seine Schritte acht!
Der treue Engel sei ihm gut!
Und segne alles was er tut!
Und lass‘ ihn bald zu hause sein,
den lieben guten Vater mein! Amen!

Sankt Barbara, bei Tag und Nacht,
fahr‘ mit dem Vater in den Schacht!
Steh Du ihm bei in jeder Not,
bewahr‘ ihn vor dem jähen Tod!

salzbergwerk

Salzbergwerk Wieliczka (Polen), Holzstich von 1869

So beteten und sangen die Kinder, während die Väter unter Tage Kohle und andere Bodenschätze aus der Tiefe holten oder einen Tunnel durch das Gestein wühlten.

Herbstbild (Gedicht)

Donnerstag, Dezember 2nd, 2021

Zum 02. Kalendertürchen

Der Seufzer
von Friedrich Hebbel (1813-1863)

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

whortleberry

Bild von phamphuonglinh auf Pixabay

Novembermorgen

Dienstag, November 30th, 2021

Von den Bergen fallen wieder
kühle Nebel – still und sacht –
auf die alte Stadt hernieder,
abzulösen nun die Nacht.

In den dunklen Gassen drängen
sich die Häuser – dicht an dicht –
lassen stumm die Giebel hängen,
so, als scheuten sie das Licht.

Fast schon ist die alte Linde
– wie schon mehr als hundertmal –
bestürmt vom Hauch der kalten Winde
ausgezogen, nackt und kahl.

Die Uhr, die volle Stunde zeigend,
löst den dumpfen Glockenschlag.
Und Menschen gehen – gebeugt und schweigend –
durch den Nebel in den Tag.

Hans Schletz

Herbst

Herbst

Die zwei Wurzeln

Montag, November 29th, 2021

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt knig,
die andere sagt knag.
Das ist genug für einen Tag.

Christian Morgenstern (1871-1914)

Eichhörnchen

Eichhörnchen – NadiaTighe

Vereinsamt

Sonntag, November 28th, 2021

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat.

Nun stehst du starr,
schaust rückwärts, ach, wie lange schon,
was bist du Narr
vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
zu tausend Wüsten stumm und kalt;
wer das verlor,
was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
zur Winter-Wanderschaft verflucht,
dem Rauche gleich,
der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
dein Lied im Wüstenvogel-Ton.
Versteck, du Narr,
dein blutend Herz in Eis und Hohn.

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein –
Weh dem, der keine Heimat hat.

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Raben

Raben