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Der Weihnachtsabend

Dienstag, Dezember 24th, 2019

Zum 24. Kalendertürchen

Am folgenden Morgen, sehr frühe, da die Kinder noch süß und sanft schliefen, waren schon alle Erwachsene im Hause mit Aufstellung und Ausschmückung des Weihnachtsbaumes beschäftigt. Ein junger schöner Tannenbaum mit dichten grünen Ästen wurde in der Stubenecke zwischen den Fenstern angebracht. Anton öffnete, nachdem die Kutsche abgepackt war, eine große Schachtel, die fast mit allem, was Kinder freuen kann, gefüllt war.
Er hängte die kleinen Geschenke – schönes Obst, allerlei buntes Zuckerwerk, niedliche Körbchen voll verzuckerter Mandeln, Kränze von künstlichen Blumen mit rosenfarbenen oder himmelblauen Bändern geziert, nebst allerlei flimmerndem Spielzeuge an den Baumzweigen auf. Er wußte alles sehr malerisch zu ordnen. Nun nahm er auch ein paar Dutzend kleine blecherne Lampen hervor, die mit Wachs eingegossen waren. Er hängte sie vorsichtig, damit sie den Baum schön beleuchten, aber nicht anbrennen konnten, an den Zweigen auf. Als alles fertig war, gingen Katharine und Luise, die Kinder zu wecken. „Sie dürfen aber nicht früher kommen,“ sagte Anton, „als bis ich mit dem Anzünden der Lampen fertig bin und bis die Mutter ruft.“

Als alles fertig war, gingen Katharine und Luise, die Kinder zu wecken.

Als die Kinder von den Weihnachtsgeschenken hörten, verging ihnen sogleich aller Schlaf. Man konnte sie nicht schnell genug ankleiden. Endlich rief die Mutter: „Jetzt kommt!“ Die Kinder sprangen eilig in die Stube – blieben aber von Glanz und Schimmer geblendet plötzlich stehen. Vor Erstaunen und Entzücken über den unerwarteten Anblick konnten sie anfangs nicht reden. Sie staunten den wundersam schimmernden Baum mit starren Augen und offenem Munde unverwandt an. Der grüne Glanz der Zweige, die Lichter, die dazwischen wie Sterne schimmerten, die hochrot strahlenden Äpfel, die goldgelben Birnen, die vielen bunten und funkelnden Sachen kamen ihnen wie Zauberei vor. Sie wußten nicht, ob sie wachten oder träumten.
Endlich riefen sie höchst entzückt: „O wie schön, o wie herrlich!“ Franz sagte: „Einen solchen Baum, der so schön ist und im Winter so vielerlei Früchte trägt, gibt’s in unserm ganzen Walde nicht.“ – „Ei,“ sagte Klara, „solche Bäume wachsen nur im Paradiese oder gar nur im Himmel. Nicht wahr, Mutter das Christkindlein hat uns den Baum geschickt?“ – „So, wie er da ist,“ sprach die Mutter, „nun eben nicht. Indes hat doch Christus, der einst als Kind in der Krippe lag und nun im Himmel ist, euch diese Freude beschert. Denn wäre er uns nicht geboren, so wüßten wir nichts von Weihnachtsfreuden und Weihnachtsgeschenken.“ – „Nun gut,“ sagten die Kinder, „wir wollen ihn schon recht lieb haben und ihm recht folgen. Er ist doch gar so gut, und hat die Kinder gar so lieb. Eine solche Freude, wie er uns macht, hatte noch kein Mensch in der Welt.“

Christoph von Schmid (1768 – 1854)

Mittwoch, Dezember 4th, 2019

Die verlorene Mütze des Weihnachtsmannes

Letztes Jahr, am frühen Nachmittag des Heiligen Abends, widerfuhr dem Weihnachtsmann etwas, das ihm in über hundert Jahren noch nicht passiert war.
Er glitt mit seinem vollbepackten Schlitten über den großen Hohlweg hinter dem Tannenforst dahin, als ihm plötzlich und unvermittelt eine Horde Wildschweine über die Fahrbahn sprang, und er, um Schlimmes zu verhindern, den Schlitten ruckartig abbremsen musste. Weder dem Rentier am Geschirr noch ihm geschah etwas; die ganzen Geschenke jedoch waren über dem schneebedeckten Boden verstreut, und ihm blieb nichts anderes übrig, als alles wieder aufzuladen.

decorating.gifEr fluchte wie nur Weihnachtsmänner fluchen können, kam ordentlich ins Schwitzen und musste deshalb seine warme Mütze absetzen. Er stülpte sie über die Spitze eines jungen Tannenbäumchens, und als er mit Beladen fertig war, dachte er nur noch an die freudigen Gesichter der Kinder, wenn er ihnen die Geschenke überbringt, aber nicht an seine Mütze. Er fuhr davon, die Mütze hing einsam und verlassen da.

Kaum eine Stunde später kam ein Vater mit seinem Sohn an er Stelle vorbei, um ein schönes Bäumchen zu schlagen, und als sie sahen, wie schön die Mütze auf der Spitze aussah, nahmen sie diese einfach mit. Wie es der Zufall wollte, kam der Weihnachtsmann dann spät in der Nacht auch zu dieser Familie. Ganz gerührt ob des festlichen Anblicks des Bäumchens, auf dem seine Mütze hing, schlug er es dem Vater ab, die Mütze wieder mitzunehmen. ‚Ich habe in meinem Haus noch so viele davon‘ sprach er, ‚und ich freue mich über alle, die ihren Baum auf diese Weise schmücken.‘
Seither bringt er als Geschenk auch gern eine seiner Mützen mit.