Posts Tagged ‘weihnachten’

Weihnachten ohne Mutter

Donnerstag, Dezember 16th, 2021

Zum 16. Kalendertürchen

Weihnachten ohne Mutter
Netzfundstück – Autor nicht bekannt

familieLiebe Kinder,

dieses Weihnachten werdet ihr ohne mich verbringen müssen; denn ich werde über die Feiertage verreisen.
Ich weiß noch nicht genau wohin, aber ich möchte dieses Christfest einmal auf eine andere Weise feiern. Vater konnte ich nicht überzeugen, mich zu begleiten, ihr könnt also ruhig nach Hause kommen. Da die Feiertage schon seit so vielen Jahren nach festen Ritualen ablaufen, werdet ihr es auch ohne mich schaffen.

Zwar habe ich sonst ein paar kleine Vorbereitungen getroffen, aber unter euch sind ja drei perfekte Hausfrauen, die mir so oft gut gemeinte Ratschläge geben konnten.
Die Gästebetten könnt ihr bei Schmidts nebenan und bei Hansens ein Stück die Straße runter leihen. Ich wollte euch das Festmahl nicht vorschreiben, deshalb habe ich nichts eingekauft. Die Menge für 12 Personen errechnet ihr einfach, indem ihr den Viertagesbedarf eurer drei Familien zusammenrechnet. Mit meinem kleinen Wagen musste ich ein paarmal fahren, aber ihr habt alle so schöne große Limousinen. Wenn ihr zusammen fahrt, ist es auch mit den schweren Getränkekästen bequemer.
Vielleicht solltet ihr auch auswärts essen, das Spülen der Geschirrberge hält immer so auf. Ansonsten benutzt ruhig mein gutes Geschirr. Ich habe jetzt eines mit Nachkaufgarantie, es macht also nichts, wenn die Kinder etwas zerschlagen. Die Preisliste liegt in der Schrankschublade; legt einfach das Geld dazu, ich vervollständige dann später das Service.

Eines macht mir allerdings Sorgen: Wer wird den Schlichter bei euren Diskussionen machen, wenn ich nicht da bin? Ihr wisst ja, dass Vater sich lieber raushält, weil seine Nerven zu empfindlich sind. Am besten, ihr bleibt alle ein bisschen gelassener, auch bei Erziehungsfragen. Jeder macht schließlich bei der Aufzucht des Nachwuchses Fehler. Ich habe mir da auch einiges vorzuwerfen. Aber glaubt mir, es ist nie zu spät, mit dem Umerziehen anzufangen.

Übrigens finanziere ich mit dem Geld, das ich sonst für eure Geschenke verwandt habe, dieses Jahr meine Reise. Löst doch die Gutscheine, die ihr für mich gekauft habt, ein und kauft euch selbst eine Kleinigkeit.

Fröhliche Weihnachten wünscht euch
Eure Mutter

Und ab geht die Post

Donnerstag, Dezember 2nd, 2021

Da fällt mir gerade ein, du hast ja noch keine Weihnachtskarten gekauft. Rasch gehe ich in Gedanken durch, wem ich gute Wünsche zum Fest senden möchte. Die Peinlichkeit vom letzten Fest wird mir dieses Jahr nicht passieren. Ich hatte doch tatsächlich Post von Bekannten bekommen und selbst gar keine geschickt, so dass ich lm_jpost.gifan Heiligabend schnell noch Kartengrüße schreiben musste. Beim Durchblättern meines Adressbuches fallen mir einige Namen auf, von denen ich schon einige Zeit nichts mehr gehört habe. Warum nicht die Gelegenheit nutzen und sich mal melden. Die Post wirbt doch auch: Schreib mal wieder!

Ich mache eine Liste, wer alles eine Karte bekommen soll, und unterteile sie gleich noch in Rubriken: Humor, Besinnlich, Geschäftlich, Brief, Geldgeschenk. Zunächst ordne ich die Empfänger, die mir ins Gedächtnis kommen, zu. Anschließend die aus dem Adressbuch – von A wie Adam, einem Onkel meines Mannes, bis Z wie Zweistein, eine ehemalige Kollegin. Es ist schon eine stattliche Zahl, die auf meinem Papier steht. Zur Abrundung und um ja keinen zu vergessen, lege ich die Liste meinem Mann vor. Der interessiert sich aber wenig für meine Aufstellung: Du machst es schon recht, ist der einzige Kommentar, den ich ihm entlocken kann.
Mit meiner Liste strebe ich dann ins Schreibwarengeschäft und schaue mir das Glückwunschkartenangebot an. Die Bereiche ‚Humor‘ und ‚Geldgeschenk‘ sind schnell abgehakt. Etwas schwieriger ist es mit ‚Geschäftlich‘ und ‚Besinnlich‘. Aber auch diese Hürde ist zu nehmen. Froh, alles doch so schnell bekommen zu haben, eile ich gleich noch zur Post und besorge die entsprechenden Briefmarken: Karte, Brief und Übersee. Um etliche Mark ärmer, aber zufrieden geht es nach Hause. Da die Zeit drängt, setze ich mich am Mittag an den Schreibtisch und schreibe fleißig. Als es Zeit fürs Abendessen ist, habe ich einen Großteil schon geschafft. Von den lm_mpost.gifGeldgeschenken für Zeitungsfrau, Briefträger, Müllmänner, den Karten für die Geschäftsfreunde meines Mannes, die Briefe an die engsten Verwandten, sofern man sich nicht über die Feiertage sieht, bis zum Humorvollen für die Freunde, alles erledigt. Und der kleine Rest wird am Abend dann auch noch schnell fertig. Am nächsten Morgen werfe ich alles ein. Das Weihnachtsfest kann kommen.

Das Weihnachtsfest kommt, aber was nicht kommt sind die Karten der von mir angeschriebenen Personen. Natürlich, die, die immer kommen, sind schon da: von Hilde aus Bochum, Onkel Franz aus USA usw. Es sind auch ein paar dabei, über die ich mich wirklich richtig freue, weil sie sich schon lange nicht mehr gemeldet haben. Sollte es mir heuer passieren, von anderen vergessen worden zu sein? An Heiligabend sind erst knapp fünfzig Prozent aller erwarteten Karten eingetroffen. Dafür wartet am Nachmittag eine Überraschung der besonderen Art auf mich, ich komme kaum vom Telefon weg. Jeder, der sich nicht schriftlich gemeldet hat, ruft kurz an. Auch keine schlechte Idee, denke ich, das wirst du nächstes Jahr auch machen. posttasche-s.gif

Im drauffolgenden Jahr zu Weihnachten nehme ich mir wieder meine Liste vom Vorjahr vor. Die hat sich richtig bewährt. Ein paar Namen muss ich leider streichen, aber einige kommen auch neu hinzu. Hinter jeden Namen setze ich ein Zeichen: Telefon oder Karte. Ungefähr die Hälfte der Namen wird Post erhalten, die anderen rufe ich an. Die Kartengrüße habe ich dann auch alle rechtzeitig abgeschickt. Und da vor Heiligabend gerade ein Wochenende ist, setze ich mich am Samstag ans Telefon und sage allen meine guten Wünsche zum Fest. Etwas erstaunt war ich schon über manche Reaktion am Telefon. Einige klangen wie ertappt. Ich kann mir das nicht erklären. Die Erleuchtung kommt an Heiligabend: Ich liege mit Telefonieren nicht im diesjährigen Trend, denn nun kommen von fast neunzig Prozent Karten. Das erklärt auch die komischen Reaktionen auf meine Anrufe.
von Jessy Scheithauer