Archive for the ‘Geschichten und Sagen’ Category

Zweiter Advent – 2025

Sonntag, Dezember 7th, 2025

2.Advent

Die zweite Kerze brennt für Hoffnung,
für die Kraft und für den Glauben,
für Vernunft und für die Achtung
und für die weißen Friedenstauben.

~

Bild KI-generiert (Lexica.art)

Bild KI-generiert (Lexica.art)

Immer am zweiten Sonntag im Advent
(aus ‚Die stillste Zeit im Jahr‘ von Karl Heinrich Waggerl)

Immer am zweiten Sonntag im Advent stieg der Vater auf den Dachboden und brachte die große Schachtel mit dem Krippenzeug herunter. Ein paar Abende lang wurde dann fleißig geleimt und gemalt, etliche Schäfchen waren ja lahm geworden, und der Esel mußte einen neuen Schwanz bekommen, weil er ihn in jedem Sommer abwarf wie ein Hirsch sein Geweih. Aber endlich stand der Berg wieder wie neu auf der Fensterbank, mit glänzendem Flitter angeschneit, die mächtige Burg mit der Fahne auf den Zinnen und darunter der Stall. Das war eine recht gemütliche Behausung, eine Stube eigentlich, sogar der Herrgottswinkel fehlte nicht und ein winziges ewiges Licht unter dem Kreuz. Unsere Liebe Frau kniete im seidenen Mantel vor der Krippe, und auf der Strohschütte lag das rosige Himmelskind, leider auch nicht mehr ganz heil, seit ich versucht hatte, ihm mit der Brennschere neue Locken zu drehen. Hinten standen Ochs und Esel und bestaunten das Wunder. Der Ochs bekam sogar ein Büschel Heu ins Maul gesteckt, aber er fraß es ja nie. Und so ist es mit allen Ochsen, sie schauen nur und schauen und begreifen rein gar nichts.

Weil der Vater selber Zimmermann war, hielt er viel darauf, daß auch sein Patron, der heilige Joseph, nicht nur so herumlehnte, er dachte sich in jedem Jahr ein anderes Geschäft für ihn aus. Joseph mußte Holz hacken oder die Suppe kochen oder mit der Laterne die Hirten einweisen, die von überallher gelaufen kamen und Käse mitbrachten oder Brot oder was sonst arme Leute zu schenken haben.

Es hauste freilich ein recht ungleiches Volk in unserer Krippe, ein Jäger, der zwei Wilddiebe am Strick hinter sich herzog, aber auch etliche Zinnsoldaten und der Fürst Bismarck und überhaupt alle Bestraften aus der Spielzeugkiste.
Ganz zuletzt kam der Augenblick, auf den ich schon tagelang lauerte. Der Vater klemmte plötzlich meine Schwester zwischen die Knie, und ich durfte ihr das längste Haar aus dem Zopf ziehen, ein ganzes Büschel mitunter, damit man genügend Auswahl hatte, wenn dann ein golden gefiederter Engel darangeknüpft und über der Krippe aufgehängt wurde, damit er sich unmerklich drehte und wachsam umherblickte.
Das Gloria sangen wir selber dazu.

Krippe (Lisi Martin)

Die Wichtelmänner

Samstag, Dezember 6th, 2025

Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, dass ihm endlich nichts mehr übrigblieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein.

Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich und wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: Sie waren so sauber gearbeitet, dass kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln.

Er schnitt sie abends zu und wollte den nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand, waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, dass er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die vier Paar fertig; und so ging’s immerfort, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, also dass er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward.

Schuhmacher

Bild von Gerhard G. auf Pixabay

Nun geschah es eines Abends, nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, dass er vorm Schlafengehen zu seiner Frau sprach: »Wie wär’s, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?«
Die Frau war’s zufrieden und steckte ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht.
Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine, niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu nähen, zu klopfen, dass der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.

The Elves Illustration by Walter Crane, 1886

The Elves
Illustration by Walter Crane, 1886

Am andern Morgen sprach die Frau: »Die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.« Der Mann sprach: »Das bin ich wohl zufrieden.« Und abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie sich die Männlein dazu anstellen würden.
Um Mitternacht kamen sie herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeugten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen:

»Sind wir nicht Knaben glatt und fein?
Was sollen wir länger Schuster sein!«

Dann hüpften und tanzten sie und sprangen über Stühle und Bänke. Endlich tanzten sie zur Tür hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm alles, was er unternahm.

Gebrüder Grimm

Mittwoch, Dezember 3rd, 2025

Legende von den ersten Weihnachtsplätzchen

Die Hirten waren gerade dabei, ihre Brote zu backen, da sahen sie den Weihnachtsstern am winterlichen Himmel leuchten. Sie machten sich mit ihren Herden sofort auf den Weg nach Bethlehem, wohin sie der Stern führte.
Bei aller Aufregung und Freude über den Stern und das Kind im Stall hatten die Hirten ihre Brote im Backofen vergessen. Als sie nach Hause zurückkehrten, strömte ihnen ein wunderbarer Duft entgegen. Sie konnten nicht glauben, was geschehen war. kerze.gifIhre Brote, die nach der langen Zeit im Backofen eigentlich hätten verbrannt sein müssen, waren zwar sehr dunkel geworden, schmeckten aber himmlisch süß. Allen Freunden und Bekannten gaben sie eine Kostprobe dieses besonderen Brotes und brachen es in viele kleine Stückchen, damit jeder davon kosten konnte.

Als Erinnerung an dieses Wunder begann man zur Heiligen Nacht kleine würzige Himmelskuchen zu backen, aus denen die Weihnachtsplätzchen geworden sind.

Der Adventskalender

Sonntag, November 30th, 2025

 

Der Adventskalender
von Jutta Butschkau

Am 30. November saß Ännchen auf dem Bettrand und hielt einen schönen, bunten Adventskalender nachdenklich in den Händen. Die Mutter hatte ihn ihr beim Gutenachtsagen gegeben und dazu gesagt:
»In diesem Jahr wirst du die Fenster deines Adventskalenders hoffentlich nicht wieder vorher aufmachen!«
Dann war sie schnell hinausgegangen, ohne eine Antwort abzuwarten. Ännchen wusste genau, was damit gemeint war. Im vergangenen Jahr hatte sie nämlich aus lauter Neugier schon am 4. Dezember alle Fensterchen des Adventskalenders geöffnet. Die Eltern waren traurig darüber gewesen, und Ännchen selbst hatte keine Freude mehr an dem Kalender gehabt. Die Kleine seufzte. Wenn man doch nur wüsste, was hinter den Fenstern zu sehen war? Zum Beispiel am Nikolaustag, und dann am 2. Advent … oder gar am Heiligen Abend!
Ännchens gute Vorsätze schmolzen wie die Eisblumen am Fenster dahin, wenn sie sie anhauchte. Ganz vorsichtig lupfte sie das Fensterchen zum 1. Dezember. HALT! stand dahinter mit dicken, roten Buchstaben und einem Ausrufezeichen.

Ännchen

Ännchen – von einer KI generiert

Ännchen erschrak. Was sollte das bedeuten?
Sie hatte einen Stern oder ein Licht erwartet. Was war das nur für ein merkwürdiger Adventskalender?
Kurz entschlossen machte sie noch ein paar Fenster auf: kein Spielzeug, kein Tannenzweig, keine Kerze war zu sehen – es gab nur Worte, nichts als Worte! Ännchen nahm einen Bleistift und schrieb hintereinander auf, was an jedem Tag bis zum 24. Dezember zu lesen war. Es kam ein Vers heraus:

»Halt! Was hast du uns versprochen,
Du wolltest doch in diesen Wochen,
Wo wir uns auf das Christkind freun,
Nicht mehr Fräulein Neugier sein!«

Ännchen schämte sich schrecklich. Aber was half es noch? Gar nichts mehr. Sie legte den Kalender auf den Tisch, schlüpfte ins Bett und schämte sich weiter, bis sie schliesslich darüber einschlief. Als sie am Morgen erwachte und mit schlechtem Gewissen zum Tisch hinüberschaute, machte sie große Augen. Der Tisch war leer, aber an der Wand neben dem Bett hing ein neuer Adventskalender mit lauter geschlossenen Fensterchen. Im Nu war Ännchen aus dem Bett gesprungen und hatte das Fenster zum 1. Dezember aufgemacht: Ein goldener Stern leuchtete ihr entgegen.

Ob Ihr es nun glaubt oder nicht: Ännchen war von ihrer Neugier geheilt. Diesmal öffnete sie täglich nur ein Fensterchen und freute sich an ihrem Adventskalender bis zum Heiligen Abend.

Der goldene Schlüssel

Samstag, November 29th, 2025

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bißchen wärmen. schluesselDa scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel.
Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. »Wenn der Schlüssel nur paßt!« dachte er. »Es sind gewiß kostbare Sachen in dem Kästchen. « Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, daß man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen…

Gebrüder Grimm

und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat,

und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat…