Posts Tagged ‘geschichte’

Die Weihnachtskrippe daheim

Montag, Dezember 20th, 2021

Zum 20. Kalendertürchen

Der Bruder meiner Mutter, namens Joseph Hartel, ein noch unverehelichter junger Mann, der schöne Blechwaren aller Art verfertigte, besuchte uns, besonders im Winter, alle Abende. Er war immer heiter und voll witziger Einfälle. Wir Kinder alle waren immer hocherfreut, wenn der Herr „Vetter Joseph“ kam, wie wir ihn nannten.
– Uns Kindern und den Kindern einer Schwester und auch einiger Nachbarn Freude zu machen, hatte er in einer Ecke seines Wohnzimmers zwischen den zwei Fenstern eine „Weihnachtskrippe“ angebracht. Man sah einen großen Berg mit Felsen und Wäldchen und zerstreuten ländlichen Hütten. Krippenszene
Ganz oben auf dem Berge befand sich die Stadt Bethlehem. Wenn er uns bei Tage die Krippe zeigte, rauchten alle Kamine der Stadt, bei Nacht waren alle Fenster erleuchtet. Dies wurde durch ein Glutpfännchen mit Weihrauch oder einer kleinen Lampe bewirkt, die er in das Innere der Stadt hineinstellte, die aus Blech gefertigt und zierlich mit Farben bemalt war. Unten im Tale befand sich auf einer Seite eine grüne Ebene mit vielen Schafen und Lämmchen und mit dem Hirten, der auf einer Schalmei spielte. Zur andern Seite war ein kleiner See von wirklichem Wasser, in dessen Mitte, so zart wie das feinste Silberfädchen, ein Springbrunnen empor sprudelte. Auf dem See befanden sich zwei Schwäne; wenn man ihnen ein kleines rotes Stäbchen, das bereit lag und an dessen Spitze etwas Brot befestigt war, vorhielt, so kamen sie herbei; zeigte man ihnen aber den breiten Teil des Stäbchens, so wichen sie zurück. Diese Wunder des uns unbekannten Magneten erfreute uns Kinder sehr. Die größte Freude aber machte und das göttliche Kind mit Maria und Joseph; auch die anbetenden Hirten und die heiligen drei Könige, die mit aller königlichen Pracht erschienen. –
Noch jetzt zur Stunde erinnere ich mich an alles sehr klar und deutlich. – In Hinsicht der Kunst mochte dieses alles wohl keinen Wert haben. In Bezug auf die Zeitverhältnisse war manches irrig und ganz verfehlt. Aus den Mauern Bethlehems schauten zum Beispiel Kanonen hervor; der ehrwürdige Greis Simeon hatte eine Brille auf; die heiligen drei Könige waren mit dem doppelten Adler oder einem Ordenskreuz geschmückt. Allein all dieses irrte und Kinder nicht. Wir hatten dabei sehr andächtige Empfindungen, die wohl nicht ohne Gewinn waren für das ganze Leben.

Christoph von Schmid (1768 – 1854)

Barbarazweige

Freitag, Dezember 3rd, 2021

Zum 03. Kalendertürchen

»Morgen ist Barbaratag«, sagt die Mutter zu den Kindern, »wir wollen nicht vergessen, die Barbarazweige zu schneiden.«
»Warum macht man das?« fragen die Kinder.
Da erzählt die Mutter: »Die heilige Barbara hat vor vielen hundert Jahren in Kleinasien gelebt und musste schon als junges Mädchen sterben, weil sie ihren Glauben an Jesus nicht aufgeben wollte. Am Barbaratag denken wir an dieses tapfere Mädchen, und die Bergleute haben sie sich zur Schutzpatronin auserwählt.«
»Und die Barbarazweige?« fragen die Kinder noch einmal.
»Es ist ein schöner, alter Brauch, am vierten Dezember, dem Barbaratag, Zweige vom Kirschbaum, vom Jasmin oder von der Weide abzuschneiden. Die Stiele werden dann schräg eingekerbt und in lauwarmes Wasser gestellt. Wenn das Wasser alle zwei Tage erneuert wird und die Zweige in einem nicht zu warmen Zimmer stehen, dann blühen sie zu Weihnachten. Der Barbaratag liegt drei Wochen vor Weihnachten, so lange brauchen die Zweige, um zum Blühen zu kommen, deshalb nennt man sie Barbarazweige.«
»Wenn drei Wochen vor Weihnachten Martinstag wäre, würden sie wahrscheinlich Martinszweige heißen« sagt Martin, der Jüngste, nachdenklich.

Der Adventskalender

Dienstag, November 30th, 2021

 

Der Adventskalender
von Jutta Butschkau

Am 30. November saß Ännchen auf dem Bettrand und hielt einen schönen, bunten Adventskalender nachdenklich in den Händen. Die Mutter hatte ihn ihr beim Gutenachtsagen gegeben und dazu gesagt:
»In diesem Jahr wirst du die Fenster deines Adventskalenders hoffentlich nicht wieder vorher aufmachen!«
Dann war sie schnell hinausgegangen, ohne eine Antwort abzuwarten. Ännchen wusste genau, was damit gemeint war. Im vergangenen Jahr hatte sie nämlich aus lauter Neugier schon am 4. Dezember alle Fensterchen des Adventskalenders geöffnet. Die Eltern waren traurig darüber gewesen, und Ännchen selbst hatte keine Freude mehr an dem Kalender gehabt. Die Kleine seufzte. Wenn man doch nur wüsste, was hinter den Fenstern zu sehen war? Zum Beispiel am Nikolaustag, und dann am 2. Advent … oder gar am Heiligen Abend!
Ännchens gute Vorsätze schmolzen wie die Eisblumen am Fenster dahin, wenn sie sie anhauchte. Ganz vorsichtig lupfte sie das Fensterchen zum 1. Dezember. HALT! stand dahinter mit dicken, roten Buchstaben und einem Ausrufezeichen.anne.jpg

Ännchen erschrak. Was sollte das bedeuten? Sie hatte einen Stern oder ein Licht erwartet. Was war das nur für ein merkwürdiger Adventskalender?
Kurz entschlossen machte sie noch ein paar Fenster auf: kein Spielzeug, kein Tannenzweig, keine Kerze war zu sehen – es gab nur Worte, nichts als Worte! Ännchen nahm einen Bleistift und schrieb hintereinander auf, was an jedem Tag bis zum 24. Dezember zu lesen war. Es kam ein Vers heraus:

»Halt! Was hast du uns versprochen,
Du wolltest doch in diesen Wochen,
Wo wir uns auf das Christkind freun,
Nicht mehr Fräulein Neugier sein!«

Ännchen schämte sich schrecklich. Aber was half es noch? Gar nichts mehr. Sie legte den Kalender auf den Tisch, schlüpfte ins Bett und schämte sich weiter, bis sie schliesslich darüber einschlief. Als sie am Morgen erwachte und mit schlechtem Gewissen zum Tisch hinüberschaute, machte sie große Augen. Der Tisch war leer, aber an der Wand neben dem Bett hing ein neuer Adventskalender mit lauter geschlossenen Fensterchen. Im Nu war Ännchen aus dem Bett gesprungen und hatte das Fenster zum 1. Dezember aufgemacht: Ein goldener Stern leuchtete ihr entgegen.

Ob Ihr es nun glaubt oder nicht: Ännchen war von ihrer Neugier geheilt. Diesmal öffnete sie täglich nur ein Fensterchen und freute sich an ihrem Adventskalender bis zum Heiligen Abend.