Die Geschichte von der Babuschka

Zum 19. Kalendertürchen

In einer eiskalten Winternacht saß die Babuschka in ihrer Hütte und schürte ein mächtiges Feuer aus Tannenholz, damit sich der Reif nicht gar zu dick an den Holzbalken festsetzte. Draußen fror es Stein und Bein, und der Atem legte sich jedem, der durch die Nacht ging, wie ein Eispelz um die Lippen. Die alte Babuschka war froh, daß sie vor ihrem Feuer sitzen und sich wärmen konnte, und es paßte ihr gar nicht, als es auf einmal klopfte und sie aufstehen und öffnen mußte.

Vor der Tür standen drei Männer, wohlhabende Männer, das sah Babuschka mit einem Blick, und sie war sofort bereit, die drei aufzunehmen und zu bewirten. Das aber wollten die Männer nicht. Vielmehr erzählten sie der Babuschka, sie würden schon seit Wochen von einem Stern geführt und wären unterwegs zu einem Ort, der Betlehem hieße.
Schließlich baten sie die Babuschka mitzukommen. Denn der König, zu dem sie wollten, sollte noch ein neugeborenes Kindlein sein, aber in solchen Dingen hätten sie keinerlei Erfahrung. Die Babuschka winkte ab. BabuschkaNein, nein, für solche Wege seien ihre Beine zu alt, und der Winter wäre zu kalt und überhaupt – nein, nein. Darauf zogen die drei Männer weiter, ratlos, wie es schien.

Kaum waren sie fort, ließ es der Babuschka auf einmal keine Ruhe mehr. Die ganze Nacht dachte sie darüber nach. Am nächsten Morgen aber packte sie einen Korb mit Windeln, Zuckersachen und Spielzeug, denn die drei Männer hatten ja von einem Kindlein geredet. Dann machte sich die alte Babuschka auf den Weg.
Wie es nun so geht, in der Nacht war Neuschnee gefallen, und sie konnte nirgends eine Spur von den Davongezogenen finden. Die Babuschka aber gab nicht auf. Sie ging von Haus zu Haus und fragte nach den drei Männern. Sie ging von Dorf zu Dorf, und überall, wo sie anklopfte und aufgenommen wurde, ließ sie ein Geschenk zurück. Am nächsten Morgen aber war ihr Korb wieder bis zum Rand gefüllt, und an jedem neuen Tag, wenn sie sich auf den Weg machte, war es ihr, als ob jemand hinter ihr flüsterte: „Geh weiter Babuschka, geh weiter.“
Seitdem ist sie Jahr für Jahr zu Weihnachten unterwegs und teilt Geschenke aus.

nach einem russischen Volksmärchen von Barbara Bartos-Höppner

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